Schattenwerfer, Lichtgestalten

Spielen, Forschen und Sammeln mit den Bauhaus Agenten im Dessauer Bauhaus Museum

Bauhaus Museum Dessau bei Nacht (Foto: Stiftung Bauhaus Dessau / Thomas Meyer, OSTKREUZ, 2019)

Intro

Wie stellt man eine Schule aus? Diese Frage stand im Zentrum der kuratorischen Überlegungen rund um das neue Bauhaus Museum in Dessau. „Es geht uns um den Weg des Lernens, des Ent- und Verwerfens von Ideen“, erläuterte Regina Bittner, Co-Kuratorin und stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau zur Eröffnung. Die interaktiven Vermittlungsstationen, die die Dessauer Bauhaus Agentinnen für den vom Berliner Büro chezweitz gestalteten Ausstellungsparcours im neuen Museumsgebäude entwickelt haben, greifen genau diesen Ansatz auf.

Los geht es schon im Foyer des gläsernen Gebäuderiegels, das die Dessauer Museumsmacher*innen als „Offene Bühne“ verstehen – für Diskussionen, Performances und Workshops. Eine Verbindung zur Stadt soll der großzügige Raum sein, ein  frei zugänglicher Begegnungs- und Kommunikationsort. Hier treffen Museumsgäste und Passanten, die vielleicht nur eine Abkürzung vom gegenüberliegenden Shoppingcenter in den Stadtpark suchen, zum Beispiel auf "ALMA 100". Das Ensemble aus Spiel- und Sitzelementen hat das Leipziger Büro LUKS gestaltet und ist inspiriert von den Spielzeugen der Bauhäuslerin Alma Siedhoff-Buscher.

Jede Menge weitere Spielangebote liefert der "Spielomat" als kostenfreies Angebot für Spieler*innen jeden Alters. Das Gerät hält 100 Spielideen für drinnen und draußen bereit, die Schüler*innen aus den Dessauer und Hallenser Partnerschulen gemeinsam mit den Bauhaus Agentinnen entwickelt haben. Gestaltet hat den Apparat das Büro für Sinn und Unsinn (Halle/Saale). Einfach die gewünschte Spieldauer, den Aktivitätsgrad, die Anzahl und das Alter der Spielenden wählen, feste kurbeln — und los geht’s.

Das Spielmöbel ALMA 100 im Foyer des Bauhaus Museums in Aktion (Foto: Bauhaus Agenten / Anne Schneider)

Spielerischer Anfang im Foyer

„Spielerischer Anfang (nicht durch Lehre beschwert, d.h. ohne Vorkenntnisse) entwickelt Mut, führt selbst zum Erfinden – Entdecken“. Das hat einst Josef Albers so formuliert, der maßgeblich den Vorkurs-Unterricht am Bauhaus Dessau prägte. In diesem Sinn weckt der Spielomat Entdeckerlust und so manches Spiel erfordert vielleicht auch ein bisschen Mut: „Frisiert euch um!“, lautet zum Beispiel eine Spielanleitung. „Macht euch gegenseitig abgefahrene Frisuren, sucht euch Inspiration im Museum. Wie wäre es zum Beispiel mit der Frisur von Walter Gropius?“. Ein anderer Vorschlag ist das Spiel „Typo-Salat“, das die 16-jährige Schülerin Gerdis entwickelt hat: „Erkundet das Gelände und sucht alle Buchstaben des Alphabets zusammen.“ Welche Rolle die Schriftgestaltung am Bauhaus spielte, erfährt man dann eine Treppe höher in der Ausstellung.

Eine von 100 Spielideen aus dem Spielomaten (Foto: Bauhaus Agenten / FE)

Fragen zum Auftakt

Die Ausstellungsetage teilt sich in drei Raumzonen – im so genannten „Probierplatz“ im Südflügel werden zum Auftakt acht Fragen formuliert. „Kann es ein universales Alphabet geben?“, „Kann Licht gestalten?“, „Was ist der Ursprung allen Schaffens?“ oder „Wie wird Gestaltung greifbar?“ Ausgewählte Arbeiten von Bauhäuslern, Studien und Zeitdokumente bieten erste Antworten und Kommentare. Was Co-Kuratorin Dorothee Brill als „Lockerungsübung für die Besucher“ beschreibt, ließe sich auch als Arbeitsauftrag an die Bauhaus Agentinnen verstehen. Die von Tabea Kießling, Anne Schneider, Philine Sollmann und Silke Wallstein entwickelten Hands-On-Stationen bieten Besucher*innen an, durch das eigene Tun und Aktivwerden ganz eigene Erfahrungen mit der Gestaltungspraxis der "Ideenschule Bauhaus" zu machen.

Schatten werfen und Licht modellieren

Im Hauptausstellungsraum nimmt der „Experimentierraum“ der Bauhaus Agenten eine zentrale Stellung ein. „Er ist das aktivste Element der Ausstellung“, so Dorothee Brill. Die Agentinnen zeigen hier nicht nur Dokumentationen ihrer Projektarbeit mit den 15 Partnerschulen aus Dessau-Roßlau und Halle (Saale). Am „Schattenwerfer“ können Besucher*innen auch selbst aktiv werden. Dieser Lichtspielapparat ist von Ludwig Hirschfeld-Mack inspiriert. Als Bauhaus-Student entdeckte er 1922 durch Zufall das Phänomen der „Bunten Schatten“, die durch Überlagerung verschiedener Lichtquellen entstehen. In der Ausstellung lässt sich mit dem „Schattenwerfer“, der in Zusammenarbeit mit dem Gestalter Leander Leinenbach und Schüler*innen der Grundschule „Am Akazienwäldchen“ entstanden ist, in vielfältigen Variationen testen, wie Licht gestalten kann.

In die „Lichttheorie“ steigen Besucher*innen auch an der Hands-On-Station auf der gegenüberliegenden Seite des Ausstellungsparcours ein. Die berühmten Leuchten, die Bauhäuslerin Marianne Brandt im Auftrag der Firma Kandem gestaltet hat, sind beispielweise auch das Ergebnis der intensiven Erforschung von Licht. Gemeinsam mit dem Gestalter Oliver Proske haben die Bauhaus Agentinnen eine analog-digitale Experimentierstation entwickelt, mit der Besucher*innen durch unterschiedliche mechanische Einstellungen Lichtstrahlungen am Leuchtenmodell verändern und die Kandem-Lichtstudien selbst fortsetzen können.

Schattenwerfer im Experimentierraum (Foto: Bauhaus Agenten /FE)

Formen kombinieren und Vorkurs ausprobieren

Im wahrsten Sinne des Wortes „greifbar“, wird Gestaltung an der dritten Hands-On-Station, die direkt neben Marianne Brandts Tee-Extraktkännchen und Theodor Boglers Geschirrkollektionen in der Ausstellung platziert ist. Der Keramikkünstler Sami Ben Larbi hat die Objekte in ihre Einzelteile zerlegt. Die magnetischen Formteile können nun zu neuen Gegenständen kombiniert werden. Spielerisch wird so das Prinzip des modularen Gestaltens, das am Bauhaus eine große Rolle spielte, erkundet.

Mit Formen sowie mit unterschiedlichen Oberflächen und Farben können Besucher*innen auch an der vierten Vermittlungsstation experimentieren. Kurz bevor es in den Nordflügel des Ausstellungsparcours geht, fordert ein Bildschirm auf: „Werde Schüler*in am Bauhaus.“ Formen können hier frei zu virtuellen Objekten kombiniert und mit unterschiedlichsten Materialien und Farben gestaltet werden. „Wer mag, kann dazu nach Anleitungen aus dem Bauhaus-Vorkurs von Josef Albers, László Moholy-Nagy oder Wassily Kandinsky arbeiten“, erläutert Bauhaus Agentin Anne Schneider. So wie die Vorkurslehrer das Klassenzimmer betraten, Anregungen gaben und die Studierenden dann wieder alleine weiter arbeiten ließen, können die Vorkurs-Anleitungen im virtuellen Gestaltungsraum, den die Interaktionsdesignerinnen von A.MUSE (Halle/Saale) umgesetzt haben, auch optional ein- oder wieder ausgeblendet werden. Am Ende kann sich jeder das eigene Werk per E-Mail schicken lassen.

Sammelwerk zum Mitnehmen

Im Nordflügel, der sich dem Aufbau der Dessauer Bauhaus-Sammlung widmet, können Besucher*innen schließlich ihrer eigenen Sammel-Leidenschaft nachgehen. Das „Sammelwerk“ lädt dazu ein, anhand von 60 Motiven – mit Lieblingsstücken aus der Ausstellung und weiterführenden Anregungen zu Themen wie „Bauhaus unterwegs“ und „Bauhaus zu Hause“ – einen ganz persönlichen Ausstellungskatalog zusammenzustellen und anschließend mitzunehmen. Bereits 2017 hatten die Bauhaus Agentinnen bei der Ausstellung „Handwerk wird modern!“ im Bauhausgebäude Dessau sehr positive Resonanz auf das Angebot eines persönlich zusammengestellten "Katalogwerks" zum Mitnehmen erfahren. Nun haben sie die Idee gemeinsam mit dem Gestaltungsbüro NODE (Berlin/Oslo) für die Dauerausstellung im Bauhaus Museum Dessau umgesetzt.

Bauhaus Museum Dessau
Mies-van-der-Rohe-Platz 1
06844 Dessau-Roßlau

Architektur: addenda architects, Barcelona
Ausstellungsgestaltung: chezweitz, Berlin

Hands-On-Stationen: Bauhaus Agenten Dessau (Bauhaus Agentinnen: Tabea Kießling, Anne Schneider, Philine Sollmann, Silke Wallstein / Projektleitung: Jutta Stein / Leitung Kuratorische Werkstatt: Karin Kolb)

Öffnungszeiten: 
9.9. – 31.10.2019: täglich 9 – 18 Uhr
ab 1.11.2019: täglich 10 – 17 Uhr

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Ausblick: Entdeckerhefte, Touren & Co

Auch nach der Museumseröffnung läuft die Arbeit der Bauhaus Agenten weiter. In den nächsten Monaten erarbeiten die Vermittlerinnen gemeinsam mit Jugendlichen spezielle Führungsangebote durch das Museum, die Dokumentarfilmwerkstatt begleitet weiterhin die Entwicklung des Hauses aus der Perspektive von Dessauer Schüler*innen und im Herbst erscheinen verschiedene „Entdeckerhefte“, die die Bauhaus Agenten gemeinsam mit den Partnerschulen zu den Bauhausgebäuden erarbeitet haben. Im Bauhausgebäude findet zudem jeden Mittwoch die offene Werkstatt mit verschiedenen Workshopangeboten statt und Schulklassen können mit Touren wie „Bauhausforscher" und „Bauhausdetektive“ die Bauhausbauten erkunden.

(FE 2019)

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