Bauhaus üben!

In der Berliner Ausstellung "original bauhaus" wird mit den Bauhaus Agenten der Vorkurs zum Herzstück

Kascha Lemke

original bauhaus

"original bauhaus" präsentiert 14 Fallbeispiele mit mehr als 1.000 Exponaten und 12 zeitgenössischen Interpretationen internationaler Künstler. Die Ausstellung beleuchtet, wie Unikat und Serie, Remake und Original in der Geschichte des Bauhauses untrennbar verbunden sind. Im Zentrum der Berliner Jubiläumsausstellung steht das Bauhaus als das, was es in erster Linie war – eine Schule. Zwei Ausstellungskapitel, eine Publikation und eine Workshopreihe widmen sich daher dem Vorkurs, der ersten Etappe, die jeder Bauhausstudierende absolvierte.

"Die Idee, mit den historischen Aufgabenstellungen der Vorkurs-Lehre zu arbeiten, kam von Bauhaus Agentin Friederike Holländer", betonte original-bauhaus-Kuratorin Nina Wiedemeyer bei der Eröffnungspressekonferenz. So ist vieles, was in der Ausstellung zu sehen und von Besuchern selbst ausprobiert werden kann sowie im Begleitbuch zur Ausstellung zu lesen ist, Ergebnis der Forschungs- und Projektarbeit im Bauhaus Agenten Programm.

Vorkurs original

Jeder Bauhausstudierende hatte am Anfang seiner Ausbildung den Vorkurs zu absolvieren – zunächst von Johannes Itten geleitet, später von Josef Albers und László Moholy-Nagy. Man solle den ganzen alten Krempel über Bord werfen, formulierte Josef Albers einst den Anspruch – alle sollten gemeinsam und neu lernen, Material, Farbe und Form neu erfahren.

Der „Übungskanon“ umfasste unter anderem: Tastübungen, Papier falten, Kopieren, Name in Spiegelschrift schreiben, auswendig Zeichnen, Gegensatzpaare nennen, Morgengruß, Gefühlsstenogramm, Atemstenogramm, Körperübungen, Eiskunstlauf auf Papier, Zitrone zeichnen usw. 

Nina Wiedemeyer und Friederike Holländer sehen in den geteilten Erfahrungen am Anfang der Ausbildung, im gemeinsamen Erleben eine Quelle für den Gemeinschaftsgedanken am Bauhaus – und Potential für Gemeinschaft und Teilhabe heute.

In der Ausstellung sind die Studienarbeiten nach Aufgabenstellungen gruppiert und laden die Besucher ein, Übungen aus dem Vorkurs-Unterricht des Bauhauses an inklusiven Ausstellungsstationen selbst zu erproben.
 

Kascha Lemke

original bauhaus übungsbuch

Hrsg. von Friederike Holländer und Nina Wiedemeyer für das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung,
Prestel Verlag, 224 Seiten, in Deutsch und Englisch
Mit 50 Vorkurs-Übungen
29 Euro

Vorkurs original

Im "original bauhaus übungsbuch", das begleitend zur Ausstellung erschienen ist, haben Nina Wiedemeyer und Friederike Holländer zusammengetragen, was in den Recherchen zutage trat. Erstmalig sind 50 Übungen in einer Publikation gelistet und aufbereitet – ein wertvolles Handbuch für das historische Studium, aber vor allem auch für die heutige Annäherung und das Verständnis der revolutionären Ideen der Bauhaus-Schule und des Aufbruchs aus alten Strukturen. Denn, wie Josef Albers formulierte: "Bildung beginnt mit Entdeckungen."

Vorkurs reloaded

Schüler der 9. und 10. Klasse der Nelson-Mandela-Schule, Partnerschule des Bauhaus Agenten Programms, haben die Übungen im Vorfeld getestet. Ein Jahr lang besuchten sie jede Woche im Rahmen des Wahlpflichtkurses Kunst unter dem Motto „bauhaus üben“ einen Workshop der Bauhaus Agentinnen, um sowohl historische als auch die von einem Künstler- und Pädagogenteam (Doro Petersen, Imke Küster, Julia Marquardt, Zara Moris, Florentine Baumann) zeitgenössisch interpretierten Übungen des Vorkurses auszuprobieren. Weitere Berliner Partnerschulen kamen hinzu und absolvierten Workshops aus dem Vorkurs-Kompendium, zusätzlich wurden Lehrer geschult. Eine Kooperation mit der Beuth Hochschule ermöglichte schließlich den sechsstündigen Vorkurs-Marathon mit über 80 Architekturstudenten, Professorin Minka Kersten integrierte den Testlauf in ihr Entwurfsseminar.

Catrin Schmitt

Vorkurs reloaded 2

So eröffnete sich ein ganzer Kosmos für die Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Während der Arbeit mit den Schülern und Studierenden entstand die Frage: Wie sähe der Vorkurs heute aus? Über künstlerische Neuinterpretationen der historischen Dokumente und zusätzliche Informationen gelingt eine Annäherung, die nicht nur für die Besucher*innen der Ausstellung "original bauhaus", sondern auch für die künftige Vermittlungsarbeit viele Inspirationen bereithält.

Besonders eindrucksvoll und für alle in der Ausstellung erfahrbar wird das an der interaktiven Medienstation, die im Zentrum der Schau platziert ist. Entwickelt wurde sie von den Bauhaus Agenten gemeinsam mit den Medienkünstlern Patrick Kochlik und Jens Wunderling von Syntop. Sie überführten neun historische Übungen ins digitale Zeitalter. Abstraktion, Maß und die eigene Kreativität können getestet werden über das Zeichnen von Tieren, das Darstellen von Flächen oder eine Collage aus Stoffen. Die virtuellen "Vorkurs-Arbeiten" der Ausstellungsbesucher*innen werden dann auf einer Leinwand in Echtzeit zu einer großen gemeinsamen Projektion collagiert.

original bauhaus
06.09.2019 bis 27.01.2020
Berlinische Galerie
Mi - Mo 10 - 18 Uhr
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10. September, 11 Uhr
Schüler-Vernissage des Bauhaus Agenten Programms (Pressetermin)

29. / 30. November
"Was heißt hier Haltung? Bauhaus und Moderne im Nationalsozialismus, im Exil und im geteilten Deutschland." Internationales Symposium mit Beiträgen des Bauhaus Agenten Programms. Anmeldung: welcome@bauhaus.de
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Immer sonntags 11 bis 14 Uhr
Workshop-Reihe „Vorkurs üben“
Eintritt im Ausstellungsticket enthalten.
Voranmeldung erforderlich.
Programm

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Jugend im Museum e.V. bietet Führungen für Schulklassen an.

Vorkurs üben

Neben diesen und anderen Angeboten wie dem "original bauhaus guide“ setzt die Ausstellung auch auf die persönliche Vermittlung: Zwei "Live-Speaker" sind während der gesamten Ausstellungslaufzeit vor Ort und geben Auskunft. Darüber hinaus finden jeden Sonntag Workshops der Reihe "Vorkurs üben" statt.

Hier stehen einzelne Aufgabenstellungen des Vorkurses im Mittelpunkt, die gemeinsam mit internationalen Experten aus den Bereichen Architektur, Papierkunst, Atemtechnik, Fotografie und Tanz getestet werden. An 21 Sonntagen bietet sich so während der Ausstellungslaufzeit ein facettenreiches Vorkursprogramm: von "Bau dir deinen Hocker" mit Architekt Van Bo-Le-Mentzel über "Fotogramme: Fotografieren ohne Kamera" mit der Fotografin Erika Babatz bis hin zu tänzerischen Übungen "Repeating the Body" mit der preisgekrönten Choreografin, Tanz und Videokünstlerin Jo Parkes.

Die Teilnahme an den Workshops ist im Museumseintritt enthalten, eine Voranmeldung ist online über den Veranstaltungskalender der Berlinischen Galerie möglich.
(KL)

Näher dran geht kaum. Mit diesen praktischen Workshops und taktilen Exponaten ermöglichen die Ausstellungsmacher eine aktive Teilhabe. Sie bringen die sinnlich erfahrbaren oder haptischen Qualitäten der Exponate näher – und machen das Bauhaus buchstäblich greifbar. Eine Einladung, die Ideen des Bauhaus weiterzuleben.

aus der Ausstellungsrezension im DEAR MAGAZIN (Nina C. Müller)
Catrin Schmitt
original bauhaus – Eröffnung
Catrin Schmitt
Catrin Schmitt
Catrin Schmitt
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